Kritik an der Leichten Sprache – 7 Missverständnisse

Infografik, Leichte Sprache Kritik
Infografik: Kritik an Leichter Sprache

Fast täglich muss ich mich mit der Kritik an der Leichten Sprache auseinandersetzen. Oft sind die Einwände sogar berechtigt. Denn meiner Meinung nach ist es zum Beispiel falsch zu sagen, Leichte Sprache sei leichter zu lesen. Es ist auch ein Irrglaube, Texte in Leichter Sprache könnten die Alltagssprache ersetzen. Und das ist das erste große Missverständnis.

1. Jede Internetseite muss in Leichter Sprache sein

Auf vielen Internet-Seiten ist die Leichte Sprache überflüssig. Angebote, die sich nicht an Menschen mit kognitven Einschränkungen oder funktionale Analphabeten richten, benötigen auch keine Leichte Sprache. Dass es trotzdem – vor allem auf Seiten von Bundesinstitutionen – Texte in Leichter Sprache gibt, ist eine absurde Entwicklung, die auf die BITV 2.0 zurückgeht.

Sie fordert „Hinweise zu Inhalt und Navigation“. Doch anstatt die Nutzer abzuholen, gibt es eine minimale Inhaltsangabe und ellenlange Texte zur Navigation. Dies widerspricht dem Inklusionsgedanken.

Die Internetseite: leichte-sprache.nrw richtet sich an Menschen mit LeseschwächeAuch diese Seite ist bewusst nicht in die Leichte Sprache übertragen, dafür haben wir mit leichte-sprache.nrw ein eigenes Angebot. Wissenschaftliche Fachtexte werden nicht einmal in die „Alltagssprache“ übertragen, warum also in die Leichte-Sprache?

Aber: es kann durchaus sinnvoll sein, den Menschen einen Überblick über das Thema in Leichter Sprache zu geben. Auch damit werden die Vorgaben der BITV 2.0 erfüllt. Wie es funktioniert, lässt sich am besten vor der Übertragung klären – sprechen Sie uns an.

WCAG bietet unterschiedliche Möglichkeiten

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Web-Content-Accessibility-Guidelines, also die Richtlinien für den barrierefreien Webinhalte durchaus unterschieden. Punkt 3.1.5. regelt, dass ein Text in einfacher Sprache oder zusätzliche Inhalte angeboten werden müssen, wenn die höchste Stufe der Barrierefreiheit erreicht werden soll.

2. Leichte Sprache ist für alle Menschen sinnvoll

An dieser Stelle wird der Inklusionsgedanke zu weit getrieben. Statt der breiten Streuung der Themen, sollten Angebote auf die Zielgruppe zugeschnitten werden – so wie es auch bei allen anderen Texten üblich ist.  Neben den menschen mit kognitiven Einschränkungen, zählen zu den Menschen, die mit einfachen Texten angesprochen werden sollen, auch funktionale Analphabeten.

Wenn zum Beispiel ein Museum Themenführungen anbietet, dann stimmen die Verantwortlichen das Leporello oder die App auf die Bedürfnisse der Besucher ab. Viele Flyer werden mehrsprachig angeboten, fast immer ins Englische übersetzt. Weitere Sprachen, wie Spanisch, Niederländisch oder Polnisch sind von der Nachfrage abhängig. Sprechen Sie uns frühzeitig an, wir unterstützen Sie gerne dabei, die Themen für Menschen mit Leseschwierigkeiten einzugrenzen und herauszuarbeiten.

3. Das Layout von einfachen und leichten Texten ist fürchterlich

Illustrationen aus dem „Bilderbuch für Leichte-Sprache“, Schriftgröße 14 und mindestens eineinhalbzeilig – Für die Gestaltung der Texte gibt es enge Grenzen, die Liste lässt sich fortsetzen. Und so sehen Internetseiten der Bundesministerien oder Broschüren von Institutionen aus. Ein Beispiel ist der Ratgeber für Leichte Sprache.

Deckblätter von zwei Flyers in Alltagssprache (oben) und Leichter Sprache
Gestaltung eines Flyers in Alltagssprache und Leichter Sprache

Zugegeben, das Layout mit Grafik und Bildern in die Leichte Sprache zu übertragen, stellt oft eine große Herausforderung dar. Meist sind auch smarte Anpassungen zur Corporate Identity (CI) notwendig. Doch der Gesamteindruck bleibt, und so wirkt das Ergebnis nicht mehr als Fremdkörper.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass sich der Text durch das eigenständige Layout aus der Masse der Angebote in Leichter Sprache abhebt. Er bekommt einen Wiedererkennungswert. Wir haben getestet, welche Farbkontraste bei der leichten und bei der einfachen Sprache funktionieren. 

WCAG  macht Vorgaben

Klarer als die BITV regeln die Richtlinien für barrierefreie Webinhalte (WCAG ) die Vorgaben für das Layout. Weitere Details lesen Sie  im Text über die Leichte Sprache.

4. Texte in Leichter Sprache sind Übersetzungen

Übersetzung klingt gut, doch leider entsteht dadurch eine enorme Schieflage. Übersetzungen sind neutral, wertfrei und vollständig. Leichte Sprache kann das im Regelfall nicht leisten. Fast immer sind die Ausgangstexte vereinfacht. Wir sind darauf spezialisiert, schwierige Sachverhalte zu vereinfachen und dabei auch die Konnotation einfließen zu lassen.

5. Leichte Texte sind infantil

Wenn aus 3.125 „viele“ werden und Prozentangaben nicht auftauchen, der Genitiv genauso wie passive Formulierungen verschwinden, dann ist die Gefahr groß, dass der Textinhalt in die Belanglosigkeit abrutscht. In einem Aufsatz über die Probleme und Potenziale Leichter und einfacher Sprache hat Professorin Bettina Bock auf die Schwierigkeiten im Regelwerk des „Netzwerks Leichte Sprache“ hingewiesen. Sie schreibt: „Die dort formulierten Empfehlungen lassen eine relativ eindimensionale Tendenz zur Vereinfachung, Reduzierung und Selektion (von Information, von Wortschatz, von syntaktischer Variation, von Formulierungsvielfalt usw.) erkennen.“

Aber: es ist die tägliche Aufgabe eines Journalisten, zu recherchieren, Inhalte zu bewerten und aufzubereiten. Eine Nachricht beinhaltet weniger Informationen als ein Hintergrundbericht.

Es ist auch üblich, dass die Zielgruppe bestimmt, wie „gehaltvoll“ die Nachrichten sein sollen. „Bild“-Leser haben andere Ansprüche als die der „FAZ“, „Zeit“ oder „Süddeutsche“.

6. Die Übersetzung funktioniert nicht

Jeder Text lässt sich in die Leichte Sprache übertragen, die Frage ist, ob und was sinnvoll ist. Grundsätzlich gilt, wie bereits beschrieben, dass die Texte vereinfacht werden. Inhalt fällt weg. Soll das vermieden werden, ist es eine Möglichkeit, den Text in mehrere Blöcke aufzuteilen und die Teile zu übertragen.

Ist der Platz begrenzt, da es sich zum Beispiel um eine Broschüre handelt, lohnt sich häufig die Prüfung, ob nicht schon der Ausgangstext optimiert und gekürzt werden sollte. Wir erleben es zu häufig, dass Flyer zugetextet werden und so das Wesentliche auf der Strecke bleibt.

7. Leichte Sprache lässt sich leicht lesen

Texte in Leichter Sprache entsprechen nicht den üblichen Lesegewohnheiten. Durch die klaren Regeln und die beschränkten Mittel fehlt die Varianz. Damit sind sie schnell ermüdend. Der Trennstrich oder Trennpunkt für zusammengesetzte Substantive sind ebenfalls ungewohnt.

Richtig ist aber, dass nur durch die Anwendung der Regeln Menschen mit kognitiven Einschränkungen die Chance haben, den Inhalt zu verstehen. Das gilt auch für funktionale Analphabeten. Mit etwas Übung lassen sich die Texte aber leicht und vor allem vollständig erfassen.

Fazit

Leichte Sprache ergänzt bestehende Angebote. Bevor ein Text vereinfacht wird, sollte genau überlegt werden, wie die Zielgruppe aussieht, welche Informationen sie bekommen soll und wie sie aufbereitet werden. Nur so kann sie effektiv einen Beitrag zur Inklusion leisten. Wenn Sie weitere Informationen benötigen, schicken Sie uns eine E-Mail oder sprechen Sie uns an.