Warum sind Gebärdensprache und DGS-Videos wichtig?

Gehörlose können doch lesen, sagen viele Menschen verwundert, wenn es darum geht, dass Gehörlose Gebärdensprachvideos (DGS-Videos) für das Verständnis von Texten geht. Doch das ist nur teilweise richtig, tatsächlich hat die Gebärdensprache eine viel größere Bedeutung.

Lautsprache entwickelt sich über das Gehör

Warum heißt es „die“ Milch und nicht „das“ Milch? Sie trinken doch schließlich auch ein Bier oder ein Wasser und nicht ‚eine‘ Bier. Was für uns völlig schräg klingt, ist das Ergebnis jahrzehntelanger Erfahrung. Für einen von Geburt an Gehörlosen ist der Unterschied nicht natürlich greifbar. Denn Sprache entwickelt sich über das Gehör und  das gilt auch für Schriftsprache. Was für Hörende  „Sie haben Liebe genossen.“ oder „Sie haben liebe Genossen.“ – Kleine Unterschiede, große Wirkung. Sicherlich ist das Beispiel sehr plakativ, aber in der Lautsprache wird der gravierende Unterschied zwischen den beiden Sätzen in der Betonung deutlich. Hinzukommt, dass die Gebärdensprache eine völlig andere, eingenständige Grammatik hat und keine Zeichensprache ist. Neben den gebärdenden Händen gehören Mundbild, Mimik, Blickrichtung und Oberkörperhaltung zur Sprache.

Fingeralphabet

Fingeralphabet der Gebärdensprache
Rinke –  Fingeralphabet  der Gebärdensprache dient dem Buchstabieren

Eine Besonderheit ist das Fingeralphpabet. Dies wird dazu genutzt, um Eigennamen zu buchstabieren oder Begriffe, für die es noch keine Gebärden gibt.

Gebärdensprache ist Amtssprache

Seit dem 1. Mai 2002 ist die DGS Amtssprache in Deutschland. Zu dem Zeitpunkt trat das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) in Kraft. Die Folge ist, dass Gehörlose zum Beispiel bei Behördengängen und Arztbesuchen einen Anspruch auf einen Gebärdensprachdolmetscher haben. Gebärdensprachvideos nach BITV 2.0  seit 22. März  2012 für neue Internetseiten verpflichtend, für bestehende Angebote seit 22. März 2014. Dies gilt für Internetseiten des Bundes und bundeseigener Institutionen. Die BITV wurde jedoch inzwischen von zahlreichen Bundesländern übernommen.

Gebärdensprache digital (Bot und Avatar)

Auch durch die Aufwertung der Sprache als Amtssprache, werden die Bemühungen größer, Gebärden zu digitalisieren. Derzeit gibt es das Internationale Projekt für unterstützende Kommunikation in der Bildung an der Uni Siegen, an dem Universitäten aus sechs Ländern beteiligt sind. In einem ersten Schritt übersetzen Forscher  500 Wörter.

Ein Problem ist aber, dass die Mimik einen entscheidenden Einfluss auf das Verständnis der Gebärden hat. So gab es in vergangenen Forschungsprojekten immer wieder die Probleme, dass die Gehörlosen den Avatar nicht oder kaum verstehen. Seit Jahren forschen Wissenschaftler an dem Thema, zum Beispiel eine Gruppe vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI).

DGS als Muttersprache

DGS steht für Deutsche Gebärdensprache. Unabhängig vom gesetzlichen Anspruch hat die Deutsche Gebärdensprache eine große Bedeutung für die rund 80.000 tauben Menschen in Deutschland. Sie betrachten nicht die Lautsprache als Muttersprache, sondern die Gebärdensprache.

Fremdsprachen und Dialekte

Wie in jeder anderen Sprache gibt es auch in der Gebärdensprache viele Dialekte. Von daher ist es wichtig, dass bei Übersetzungen in den Videos ein staatlich geprüfter tauber Dolmetscher vor der Kamera steht. Nur so ist gewährleistet, dass die offiziellen Gebärden verwandt werden, außerdem profitieren die Zuschauer von der natürlichen Ausdrucksweise. Und auch wenn das Beispiel hinkt: Wer wäre nicht irritiert davon, wenn auf einer Seite eines deutschen Ministeriums ein Mensch mit fremder Muttersprache und  Dialekt Informationen präsentiert?!

Die Sprache lebt auch von  regionalen Unterschieden. Muttersprachler können Menschen einer bestimmten Region oder hörende Dolmetscher bestimmten Schulen zuordnen.

Neben der Deutschen Gebärdensprache gibt es noch viele weitere Sprachen, wie zum Beispiel die Österreichische  (ÖGS), die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS)  oder die am weltweit am meisten verbreitete American Sign Language (ASL). Sie wird in den USA, Kanada und in zahlreichen zentralamerikanischen, asiatischen und afrikanischen Sprachen gesprochen.

Gebärdensprachkurse

Allen Sprachen gemein ist, dass sie sehr bildhaft sind. Deshalb sind die Gebärdensprachkurse, zum Beispiel bei den Volkshochschulen, ein besonderes Erlebnis. Schon nach wenigen Stunden lernen die Teilnehmer sich in der meist völlig neuen Sprache zu verständigen.

Achten Sie darauf, dass sie auf jeden Fall den Kurs bei einem tauben Dozenten absolvieren. Es ist ein ungewohntes Gefühl, wenn der hörende Dolmetscher schon in der ersten Stunde den Unterricht verlässt. Aber es funktioniert und macht unglaublich Spaß.

Lautsprachenbegleitende Gebärden (LBG)

Die Deutsche Gebärdensprache ist nicht mit den Lautsprachenbegleitenden Gebärden zu verwechseln. LBG orientieren sich an der Lautsprache übersetzen Begriffe eins zu eins, sie sind kein Ersatz für die Gebärdensprache. Tatsächlich wird diese Art von Kommunikation häufig von Menschen eingesetzt, die erst im Laufe Ihres Lebens ertauben.